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Beantwortet
Autor Reiner Klein am 24. März 2010
5093 Leser · 70 Stimmen (-0 / +70)

Aktuelles

Missbrauch: Manche Wunde heilt nie

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Dr. Lammert,

Von Februar 1956 bis Ostern 1959 habe ich im Salvatorkolleg, Klausheide nacheinander die drei Schülergruppen mit den prügelnden Nonnen, Schw. H., Schw. E. und Schw. I. durchlaufen...Mittelalter...finsterstes Mittelalter...ein anderes Wort fällt mir nicht ein, sollte ich die, pädagogisch jeder Beschreibung spottenden Erziehungsversuche einer abgeschotteten Klosterwelt entstammenden Brüder, Schwestern und Patres beschreiben.
Wir Kinder, zwischen 10 bis 14 Jahren, waren vogelfrei. Wir hatten keine Rechte, kein einziges, alles war Willkür, Ausbeutung und sexueller Missbrauch. Ein besonders übler Kinderverführer dem auch ich zu Willen sein musste, war der fette Nachtwächter, Bruder L. Er leitete nachmittags die kleine Drechslerei, wo sich einige der Jungs - nach Kartoffelschälen und Hausaufgaben - Schachfiguren drechselten. Hier suchte er sich hübsche Jungens aus und versprach ihnen gutes Essen, wenn er sie nachts besuchen dürfe. Irgendwann wurde man wach, weil das Licht einer dünnen Taschenlampe in die Augen stach. Dann ging er und ich hungriges Kind folgte ihm...ich war nicht der Einzige.
Es waren drei Jahre ohne Freude, ohne Liebe, ohne ein einziges Mal in den Arm genommen worden zu sein...ich wäre gerne weggelaufen, wenn ich gewusst hätte, wohin. Ich war mit fünf Jahren Vollwaise geworden und bei Pflegeeltern gelandet. Es war 1949 und die Waisenrente lockte. Ich hatte aber keine Lust die Klamotten des zwei Jahre älteren Sohnes aufzutragen, so lief ich mehrere Male davon und landete in Klausheide.
Von 1960 bis Januar 1965 war ich im nächsten klerikalen Heim, dem Martinistift in Appelhülsen bei Münster. Hier herrschte ein anderer Orden, die Canisianer, die sich, wie ich auf deren Website las, mit "einem Fall von sexuellem Mißbrauch" durch einen Bruder W. Anfang der sechziger Jahre in Ostbevern auseinandersetzen. Die Erziehungsmethoden waren die gleichen wie im Salvatorkolleg.
Wäre es Ihnen, sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Dr. Lammert vielleicht möglich, bei der katholischen Kirche - hier die Deutsche Bischofskonferenz - eine ganz konkrete Entschuldigung anzumahnen für die Aubeutung, das Unrecht und den sexuellen Missbrauch den wir erlitten.

Vielen Dank für Ihre Hilfe!

Reiner Klein

+70

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Antwort
aus dem Bundestag am 06. Mai 2010
Bundestagspräsident

Sehr geehrter Herr Klein,

was Sie über Ihre Kindheit in zwei kirchlichen Heimen schildern, ist bestürzend und wohl für niemanden nachzuempfinden, der nicht Ähnliches erleben musste. Sexueller Missbrauch an Kindern ist ein Verbrechen, das unter keinen Umständen zu dulden oder zu entschuldigen ist. Auch der Bundestagspräsident ist erschüttert über die Missbrauchsvorfälle aus den letzten Jahrzehnten, die in den vergangenen Wochen ans Licht gekommen sind – nicht nur, aber auch in Heimen und Einrichtungen der katholischen Kirche.

Prof. Dr. Lammert begrüßt es daher, dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, sich bei der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe im Februar ausdrücklich bei den Opfern dieser Verbrechen entschuldigt hat. Nach seinem Eindruck hat die katholische Kirche auch erkannt, dass sie aus den Vorfällen Konsequenzen ziehen muss: Die Einsetzung eines Missbrauchsbeauftragten der deutschen Bischofskonferenz, die Überarbeitung der Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch durch Geistliche und die Zusage, aktiv mit den Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten, sind Schritte in die richtige Richtung.

Vielleicht wissen Sie aus Medienberichten, dass die Bundesregierung einen Runden Tisch eingerichtet hat, der sich in den kommenden Monaten nicht nur mit der Aufarbeitung der Vorfälle, einer verstärkten Prävention und strafrechtlichen Fragen befassen, sondern auch über Wiedergutmachung für die Opfer beraten wird. Vorschläge hierzu soll vor allem die unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung der Problematik des sexuellen Kindesmissbrauchs vorlegen, die von der Bundesregierung eingesetzt wurde. Die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann soll mit ihrer Geschäftsstelle zugleich eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene sein. Eine Telefonhotline befindet sich nach Angaben des Bundesfamilienministeriums derzeit noch im Aufbau, die Beauftragte ist aber schriftlich zu erreichen unter:

Unabhängige Beauftragte zur
Aufarbeitung der Problematik des sexuellen Kindesmissbrauchs
11018 Berlin
E-Mail: kontakt@ubskm.bund.de
Fax: 03018/555 4 1555

Sehr geehrter Herr Klein, der Bundestagspräsident weiß, dass nichts, was jetzt unternommen wird, das Unrecht ungeschehen machen kann, das vielen Kindern widerfahren ist. Umso wichtiger ist es, dass das Leid der Opfer anerkannt wird. Prof. Dr. Lammert wünscht Ihnen für Ihren weiteren Weg alles Gute.

Mit freundlichen Grüßen
Abteilung Presse und Kommunikation