Der Betrieb der Plattform wurde eingestellt. Es können daher leider keine weiteren Beiträge veröffentlicht oder bewertet werden. Bereits veröffentlichte bzw. beantwortete Beiträge stehen jedoch auch weiterhin zur Information zur Verfügung.

Beantwortet
Autor Jonas von Andrian am 10. Juli 2007
14311 Leser · 131 Stimmen (-26 / +105)

Bundestagsabgeordnete

Wo ist die Leidenschaft?

Sehr geehrter Herr Dr. Lammert,

Das Bild, das ich vom deutschen Bundestag und seinen Debatten habe, ist stark von dem geprägt, was den Weg in die Abendnachrichten findet.

Und das, was ich dort sehe begeistert mich nicht. Reden, deren groben Inhalt man meist im vornherein kennt, unengagierte Vortragende, geschauspielerte Empörung etc. Sie kennen das wahrscheinlich besser als ich.

Die einzige Szene, die mir je von einer Parlamentssitzung im Gedächtnis blieb, war ein den Tränen naher Joschka Fischer und mit ganzem Leib und Seele seine Sache vertrat. Der Rest ließ und lässt mich vollkommen kalt.

Wann haben Sie zuletzt erlebt, dass ein Abgeordneter während einer Rede sehr emotional wurde? Wann wurden Sie zuletzt von einem Redner mitgenommen? Wo verstecken sich die Demagogen?

Das Flair von lebendigen Diskussionen ist der Tristesse gewichen.

Ist das Tagesgeschäft wirklich so langweilig?

Oder ist mein Eindruck vollkommen verzerrt?

Mit freundlichen Grüßen,
Jonas von Andrian

+79

Über diesen Beitrag kann nicht mehr abgestimmt werden, da er bereits beantwortet wurde.

Antwort
aus dem Bundestag am 20. Juli 2007
Bundestagspräsident

Sehr geehrter Herr von Andrian,

die von Ihnen beklagte Abnahme der Leidenschaft in den Parlamentsdebatten ist schwer messbar, wird aber nicht selten bemängelt. Allerdings erinnern wir uns mit Blick auf die 50er, 60er und 70er Jahre ja nicht an die täglichen Debatten, sondern an die herausragenden. Es fallen uns auch nicht 50 oder 100 Namen eindrucksvoller Redner ein, sondern drei oder vier. Die Auffassung, damals sei alles viel lebhafter, viel leidenschaftlicher, viel kraftvoller gewesen, ergibt sich daher möglicherweise aus der typischen Verwechslung von Ausnahme und Regel.
Soweit sich der Debattenstil tatsächlich geändert haben sollte, dürfte der Bundestag repräsentativ auch für eine veränderte Kultur der Auseinandersetzung sein: Es geht in der Regel nüchterner und technischer zu, ohne große Gefühlsausbrüche. Dies liegt zum Teil auch daran, dass die Probleme viel komplexer geworden sind und es daher auch komplizierter geworden ist, diese zu vermitteln. Dies sollte man bei Vergleichen zwischen gestrigen und heutigen Parlamentsdebatten berücksichtigen, die wohl auch noch dadurch erschwert werden, dass die Bundestagsdebatten heute in einem medialen Umfeld geführt werden, das sich stark von dem früherer Jahrzehnte unterscheidet.

Mit freundlichen Grüßen