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Beantwortet
Autor Andreas Meier am 04. November 2012
10367 Leser · 49 Stimmen (-15 / +34)

Glauben und Leben

Beerdigung Selbstmörder

Sehr geehrter Herr Kardinal Meisner,

ich würde Ihnen gerne eine Frage stellen, die mich seit längerer Zeit stark beschäftigt. Es geht darin grundsätzlich um die Haltung der katholischen Kirche zum Thema Selbstmord.

So weit ich weiß, dürfen seit 1983 Selbstmörder kirchlich beerdigt werden und es hat sich auch der katholische Katechismus dahingehend verändert, dass einem Selbstmord nicht die Verdammung folgen muss.

Grundsätzlich kann ich die Haltung der Kirche, die Selbstmord als stark unchristlich ablehnt, absolut teilen.

Ein großes Problem habe ich allerdings, wenn ich mir vor Augen führe, dass, wenn ich richtig informiert bin, in der Regel von einer ewigen Verdammnis als Folge der Todsünde Selbstmord ausgegangen wird. Ich habe auch von verschiedenen Nahtoderfahrungen von versuchten Selbsmorden gelesen, bei denen die Personen von schrecklichen Erlebnissen mit Dämonen erzählt haben.

Mein Onkel ist streng gläubiger Katholik. Er hat mir erzählt, dass eine Bekannte von ihm aus der Kirche ausgetreten ist und sich erhängt hat. Laut meinem Onkel ist für diese Frau nach katholischer Überzeugung die einzige logische Konsequenz die ewige Verdammnis in der Hölle. Diese Vorstellung betrübt mich so ungemein, dass ich oft keine Freude an meinem Glauben empfinden kann. Ist es tatsächlich so, dass dies katholische Überzeugung ist?

Auch die Vorstellung, dass Selbstmörder so lange Zeit nicht kirchlich beerdigt werden durften betrübt mich ungemein. Sozusagen der endgültige Ausschluss aus der Gemeinschaft. Meine Gedanken sind dabei bei den Angehörigen von damals, die wohl keine Hoffnung mehr haben konnten.

Mit diesem Beitrag will ich die Kirche in keinster Weise kritisieren, sondern ihre Haltung verstehen und auch verstehen, wieso Jesus diese Unbarmherzigkeit seiner Kirche gegenüber diesen Leuten so lange zulassen konnte (man weiß ja heute, dass die meisten der Selbstmörder schwer krank sind).

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir Ihre Sicht dazu erläutern könnten.

Mit freundlichen Grüßen,

Andreas Meier

+19

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Antwort
von Joachim Kardinal Meisner am 18. Dezember 2012
Joachim Kardinal Meisner

Sehr geehrter Herr Meier,

unser Leben ist ein Geschenk Gottes: Diese fundamentale Überzeugung zieht sich durch das Alte und das Neue Testament ebenso wie durch die gesamte kirchliche Tradition hindurch. Unter allen Gnadengeschenken Gottes ist das Leben das grundlegendste, denn es ermöglicht ja überhaupt erst die Entfalt- ung weiterer Gaben und Charismen. Darum gilt für alle Zeiten die ernste Mahnung, die einst Mose dem Volk Israel gab: „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen“ (Deuteronomium 30,19).

Der Hinweis darauf, dass Gott allein Ursprung und Quell allen Lebens ist, dient nicht dessen Wohl, sondern dem unseren: „Denn das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts“, wie uns das Zweite Vatikanische Konzil vor Augen stellt (Pastoralkonstitution 36). Wer also in dem Bestreben, unbeschränkt über das eigene Leben zu verfügen, selbstherrlich gegen den Willen des Schöpfers ver- stößt, verfehlt sich in ähnlicher Weise wie einst die Ureltern aller Menschen, die sein wollten wie Gott. So setzt er sich selbst in Gegensatz zu seinem Schöpfer; diese grundsätzliche Opposition zu Gott aber nennen wir Ver- dammnis oder Hölle.

Die Würde des Menschen basiert nicht zuletzt darauf, dass Gott auch dessen negative Entscheidungen ernstnimmt, und die Kirche kann zunächst einmal nicht umhin, dasselbe zu tun. So weist der authentische Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) sehr ernst darauf hin, dass ein Selbstmörder gegen die natürliche Neigung jedes gesunden Menschen verstößt, sein Leben zu bewahren und zu erhalten. Darüber hinaus entzieht er sich seinen sozialen Verpflichtungen. Dass „der Selbstmord … zudem der Liebe zum lebendigen Gott“ widerspricht (KKK 2281), geht schon aus den Eingangsüberlegungen hervor.

Wie Sie richtig andeuten, können „schwere psychische Störungen, Angst oder schwere Furcht vor einem Schicksalsschlag, vor Qual oder Folterung … die Verantwortlichkeit des Selbstmörders vermindern“ (KKK 2282). Es gibt aber sehr wohl auch andere Motive, in denen die schon erwähnte Selbstbe- hauptung des Menschen eine große Rolle spielt. Die stoische Philosophie beispielsweise sah es als edlen Ausdruck menschlicher Freiheit und Sou- veränität an, selbst über das Lebensende zu bestimmen; so hat es etwa der bekannte Stoiker Seneca gehalten.

Vor dieser christlich inakzeptablen Haltung warnte die Kirche, von ihr wollte sie die Gläubigen abschrecken. Deshalb sprach sie in der Regel von dem Extrem- fall, der darin besteht, dass sich ein Selbstmörder gegen und über den Willen Gottes stellt. Der Hinweis darauf, dass – wie der Katechismus an anderer Stelle ganz grundsätzlich sagt – „die Anrechenbarkeit einer Tat und die Verantwortung für sie … durch Unkenntnis, Unachtsamkeit, Gewalt, Furcht, Gewohnheiten, übermäßige Affekte sowie weitere psychische oder gesell- schaftliche Faktoren vermindert, ja sogar aufgehoben sein“ können (n. 1735), gewann erst in der Neuzeit an Boden. Kritik an der früheren kirchlichen Praxis darf dies nicht in anachronistischer Weise übersehen. Der Kirche ging es in erster Linie um das Seelenheil der Menschen; das wird man ihr schwerlich als Unbarmherzigkeit auslegen können.

Abschließend ermutigt der Katechismus uns mit den Worten: „Man darf die Hoffnung auf das ewige Heil der Menschen, die sich das Leben genommen haben, nicht aufgeben. Auf Wegen, die Gott allein kennt, kann er ihnen Gelegenheit zu heilsamer Reue geben. Die Kirche betet für die Menschen, die sich das Leben genommen haben“ (n. 2283). Über diese Hoffnung hinaus müssen wir freilich auch unserer Verantwortung für diejenigen Mitmenschen gerecht werden, die ihre Situation als sinn- und ausweglos oder unerträglich empfinden. Sowenig wir die Absicht jedes Selbstmörders voraussehen können, sowenig dürfen wir uns unserer Verpflichtung zu Nächstenliebe und gegenseitiger Fürsorge entziehen.

Mit freundlichen Grüßen