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Beantwortet
Autor Andreas Meier am 25. Juli 2013
5515 Leser · 9 Stimmen (-2 / +7)

Erzbistum Köln

Verräter

Sehr geehrter Herr Kardinal Meisner,

seit längerer Zeit beschäftigt mich stark die Rolle des Judas Ischariot für dei Heilsgeschichte. Es bedrückt mich oft, dass das Heil der Menschheit auf dem Unheil des Verräters beruht.

Ich bin mir dabei völlig im Klaren, dass sich Judas sozusagen aus freiem Willen gegen Jesus entschieden hat. Dennoch ist Judas ja ein Teil des Heilsplanes, ein Teil der Vorsehung Gottes, die in diesem Fall im Unheil endet.

Der Zusammenhang zwischen dem freien Willen und der Vorsehung Gottes ist wohl ein Thema, das die Menschen in allen Generationen beschäftigt hat und für den Menschen nur schwer zu verstehen ist.

Ich stelle mir aber oft die Frage, wieso Jesus genau diesen Judas ausgewählt hat, wo er doch wusste was mit ihm passieren wird. Ich erkläre mir diesen Konflikt selbst immer in etwa so, dass Jesus Judas aus Gehorsam Gott gegenüber erwählt hat. Der Mensch Jesus hat sozusagen alles dafür getan Judas zu bewahren, obwohl die Gottheit Jesu´ wusste, dass er der Verräter sein wird. Kann man sich das so erklären?

War der Wille Judas´ so schlecht, dass dieser Mensch nicht behütet werden konnte. Hätte sich Judas also auch gegen Gott entschieden, wenn er kein Jünger Jesu´ gewesen wäre, da zwar die Rahmenbedingungen und die einzelnen Entscheidungen verschieden, der Grundwille aber der gleiche wäre?

Wenn Jesus Judas als Teufel bezeichnet, wie meint er das genau. Heißt das Judas liebt sozusagen die Finsternis und verachtet das Licht?

"Und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt." Aus dieser Aussage geht ja sozusagen hervor, dass Judas´ Schicksal von Anfang an besiegelt war.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn sie mir Ihre Sichtweise dieser Dinge erläutern könnten, damit ich meine inneren Konflikte überwinden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Andreas Meier

+5

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Antwort
von Joachim Kardinal Meisner am 27. August 2013
Joachim Kardinal Meisner

Sehr geehrter Herr Meier!

Das Schicksal des Apostels Judas Iskariot und seine Rolle in Gottes Heilsplan stellen ein dramatisches Element dar, das Menschen aller Zeiten – noch über die Christenheit hinaus – bewegt hat. Dabei ist Judas keineswegs immer und ausschließlich negativ bewertet worden: Von den gnostischen Geheimlehren in den ersten Jahrhunderten der Kirche bis hin zu modernen Interpretationen hat man ihm auch gute Absichten unterstellt. Zumeist vermutete man in solchen Fällen, Judas habe durch sein Tun eine Reaktion Jesu beziehungsweise das Eingreifen Gottes provozieren wollen, durch die das Gottesreich endgültig auf Erden etabliert werden sollte. Überwiegend freilich galt und gilt er als Inbild des Verrats, sodass sogar sein Name in eben diesem Sinne gebräuchlich wurde. Schon das wohl älteste Evangelium – das des Markus – charakterisiert Judas knapp als denjenigen, „der ihn [Jesus] dann verraten hat“ (3,19).

Auch und gerade im Hinblick auf die Willensfreiheit des Menschen und das Vorherwissen Gottes wird der Verrat des Judas unterschiedlich eingeordnet. In der bekannten Rockoper „Jesus Christ Superstar“ schreit Judas unmittelbar vor seinem Selbstmord: „Oh Gott, … ich bin benutzt werden, und du wusstest es die ganze Zeit. Oh Gott, ich werde niemals je begreifen, warum du mich für dein Verbrechen ausgesucht hast – dein schmutziges, blutiges Verbrechen. Du hast mich ermordet!“

Wenn man angemessen auf diese Frage eingehen will, dann muss man sich zunächst redlich eingestehen, dass die Evangelien uns so gut wie nichts über die Motive des Judas verraten; eine entsprechende Antwort kann also immer nur Interpretation und Spekulation sein. Der Evangelist Johannes unterstellt dem Judas grundsätzlich Geldgier, was die ebenfalls sprichwörtlich gewordenen 30 Silberlinge als Beweggrund des Verrats nahelegen würde. Auch gemäß Matthäus verlangt Judas Geld für seinen Verrat (26,14), während noch bei Markus der Hohe Rat erst nach dem Angebot des Judas eine Geldzahlung in Aussicht stellt (14,10-11). Wir dürfen folglich die Abscheu und Empörung der Evangelisten über diesen Verrat eines der auserwählten Zwölf am Gottessohn nicht unterschätzen; der streng historische Wert der Einschätzung ist daher mit entsprechender Vorsicht zu erwägen.

Die Diskrepanz zwischen der Erwählung des Judas Iskariot zum Apostel und seinem Verrat wirft ein besonders blendendes Licht auf das Problem, das Sie ansprechen: Ausgerechnet einer von denjenigen, die Jesus mit dem apostolischem Heilswirken betraut hat, verrät seinen Meister, vereitelt dadurch jedoch nicht den Heilsplan, sondern erhält einen ganz anderen Platz als den ihm zugedachten. Judas handelt – wenn ihn später auch Reue überkommt - aus eigenem Gutdünken und freiem Willen, wie ja auch Sie einräumen. Dass er (von Gott oder von Menschen) zum Verrat gezwungen worden wäre, geht aus keiner Schriftstelle hervor. Wohl hat Judas dem Bösen Raum in sich gegeben, denn dass Verrat niemals richtig ist, hätte er wissen können und müssen. Weil Judas sich so der Macht des Bösen öffnet und ihr dient, bezeichnet ihn Jesus gemäß dem Johannesevangelium wohl auch als „Teufel“: natürlich nicht, weil Judas ein Dämon wäre, sondern weil er sich mit diesen, mit ihren bösen Absichten und Taten gemein macht.

Dafür, dass Jesus das Tun des Judas wenigstens indirekt provozieren, billigen oder gar begrüßen würde, haben wir keinen Anhaltspunkt. Auch dass Jesus den Judas berufen hätte, weil er wünschte oder zumindest einplante, dass dieser ihn verraten würde, ist ebenso freie Spekulation. Jesus hat den Judas nicht zum Verräter, sondern zum Apostel berufen. Er konnte dabei aber nicht aus einem Kreis fehler- und sündenloser Wesen auswählen, sondern aus ganz normalen, fehlbaren und schwachen Menschen. Denken Sie nur an den Obersten der Apostel, an Petrus, der Jesus dreimal verleugnet hat und von diesem zuvor schon ebenfalls als „Satan“ tituliert wurde (Matthäusevangelium 16,23)! Und wie stehen denn die anderen Apostel da? Jesus muss ihnen, die sie doch Zeugen seiner Worte und Taten waren, Kleinglauben vorwerfen. Sie selbst sind unterdessen damit beschäftigt, sich darüber zu streiten, wer von ihnen denn der Größte sei – nach Lukas sogar noch im Abendmahlssaal!

Die Zwölf können wie alle anderen Menschen der Versuchung unterliegen, und es ist ausdrücklich nicht die Absicht Christi, sie vor solchen Anfechtungen ganz zu bewahren. Nicht der einzelne ist dagegen gefeit, sondern nur die Gesamtkirche, der Jesus zugesagt hat, sie werde nicht untergehen. Es macht ja paradoxerweise gerade die Würde des Menschen aus, dass er sich nicht nur für, sondern auch gegen Gott entscheiden kann. Gott legt dies nicht direkt oder auch nur indirekt fest; er will vielmehr, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1. Timotheusbrief 2,4), und er hat „kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass er auf seinem Weg umkehrt und am Leben bleibt“ (Ezechiel 33,11).

Wenn sich aber nun ein Mensch gegen den Willen Gottes auflehnt, dann kann er auch nicht erwarten, dass Gott dies gleichgültig hinnimmt. Es geht ja im Letzten um das Heil der gesamten Schöpfung! Und so reagiert Gott in einer Weise, die mich immer an einen geübten Kampfsportler erinnert: Er wünscht sich den Angriff seines Gegners zwar nicht, unterbindet ihn aber auch nicht, sondern weiß ihn auszunützen und in eine Richtung umzulenken, die ihm selbst und seinen Plänen zugutekommt. Der Kreuzestod Jesu ist geradezu ein Paradebeispiel dafür: Natürlich war es nicht der Wunsch Gottes des Vaters, dass sein Sohn unter Todesqualen am Kreuz starb, sondern nur, dass der durch die Sünde gestörte Zustand der Welt wieder ins Gleichgewicht kommt. So nutzt Gott die mörderischen Absichten seiner Gegner und wandelt das schändlichste Tötungsinstrument der Zeit Jesu, das Kreuz, um in den Baum des Lebens, der allen Menschen das Heil bringt, die dieses annehmen. Und auch den schändlichen Verrat des Judas, den Gott nicht wollte oder gar bewusst provoziert hat, wurde zum Element des Heilsplans: ganz einfach deshalb, weil Gott auch auf krummen Zeilen gerade zu schreiben versteht.

Mit freundlichen Grüßen

Joachim Kardinal Meisner