Liebe Leserinnen und Leser,

auf dieser Website konnten Sie bis Mai 2015 eigene Beiträge zum Thema “Energiepolitik für Brandenburg” einstellen.

Auf seiner Website wird das Ministerium für Wirtschaft und Energie weiterhin über wirtschafts- und energiepolitische Themen informieren. Dort finden Sie auch eine Übersicht von Fragen und Antworten zur Energiestrategie 2030.

Ihre weiteren Fragen und Anregungen nehmen wir gerne über die Adresse energiedialog@mwe.brandenburg.de entgegen.

Beantwortet
Autor Evelyn Hoffmann am 24. Oktober 2012
9766 Leser · 35 Stimmen (-3 / +32) · 1 Kommentar

Windenergie

Öko- und Energiebilanz von Windrädern

Sehr geehrtes Team,

ich wünsche mir eine objektive Vergleichsmöglichkeit von alternativen Energiegewinnungsformen. Daher meine Frage:

Wie sieht die Öko- und Energiebilanz eines modernen Windrads aus?
Darin enthalten sollen zB. sein:
- Rohstoffgewinnung für sämtliche Komponenten (Windrad inkl Schmier- und Kühlmittel, Fundament u.ä.)
- Energieaufwand für den gesamten (Auf)Bau (Windrad, Transport, Aufbau, Vorbereitung des Bodens usw.), Wartung und Demontage
- Berücksichtigung aller negativen Auswirkungen wie zB. Abholzung von CO2-Speichern, radioaktive Verseuchung bei der Gewinnung von Neodym, Absenkung des Grundwassers, Zerstörung von Lebensraum von Mensch und Tier, gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Infraschall, Schlagschatten, Befeuerung, Vogel- und Fledermausschlag (ohne Beschönigung), Verringerung von landwirtschaftlichen Flächen und dauerhafte Flächenversiegelung
- Indirekte Belastung / Kosten durch Gas- und Kohlekraftwerke: CO2-Ausstoß, Energieaufwand (insbesondere im Verhältnis dazu, wie die Belastung OHNE Windräder wäre)
- Auswirkungen auf die Umwelt durch den Aus- und Neubau von Stromtrassen und deren Ökö- bzw. Energiebilanz

Dies jetzt betrachtet im Verhältnis mit der tatsächlich erzielten Energieleistung (in Brandenburg ca. 20% der Nennleistung).

Wie ist der CO2-Ausstoß mit Windräder, wie ist der CO2-Ausstoß, wenn der gesamte Strom über Kohle- und Gaskraftwerke gewonnen wird? S. Artikel der Financial Times online v. 18.10.12: http://m.ftd.de/politik/international/:energiewende-das-g...

Eine Antwort würde mich sehr interessieren.

Mit besten Grüßen

Evelyn Hoffmann

+29

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Antwort
von Dr. Günter Hälsig am 11. Dezember 2012
Dr. Günter Hälsig

Sehr geehrte Frau Hoffmann,

alternative und konventionelle Energiegewinnungsformen lassen sich objektiv nur schwer vergleichen. Für konventionelle Energieformen, wie z.B. Kohle, Gas, Erdöl, Kernenergie wird in der Regel keine „Vollkostenrechnung“ durch- geführt. Das heißt, die heutigen Stromkosten berücksichtigen nicht die Gesamtheit möglicher Folgekosten für Gesundheit und Umwelt, die als Ewigkeitskosten zu Lasten der Gesellschaft gehen.

Der Materialverbrauch für eine moderne Windkraftanlage „E 82“ mit 2,3 MW ist unter folgendem Link dargestellt: http://www.vdi-nachrichten.com/artikel/Mehr-Windkraft-an-.... Die Materialien einer Windkraftanlage können nach Ablauf der Betriebszeit nahezu restlos recycelt und komplett entfernt werden. Zu den von Ihnen gestellten Detailfragen (Kühlmittel, Wartung, Fundament usw.) liegen mir leider keine Erkenntnisse vor.

Die energetische Gesamtbilanz von Windkraftanlagen einschließlich Bau, Errichtung, Wartung und Demontage ist je nach Bauart und Leistung der Anlage in der Regel schon nach einer Betriebszeit von wenigen Monaten ausgeglichen. Danach erfolgt eine CO2-freie Energieerzeugung.

Die übrigen Auswirkungen von Windkraftanlagen auf die Umwelt sind um- stritten. Sie werden oft weit überschätzt und sollten in eine vernünftige Relation zu den übrigen Belastungen unserer Industriegesellschaft gesetzt werden.

Vogelschlag wäre nur durch Totalverzicht auf Windkraftanlagen völlig zu vermeiden. Die Bewertung ist mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Schon eine genauere Quantifizierung von Schlagopfern unter Vögeln und Fleder- mäusen bereitet Schwierigkeiten. Es gibt kaum zuverlässige Monitoring- systeme dazu. In vielen Fällen gelingt es, die Schäden durch artspezifische Abstandsregelungen sowie Betriebseinschränkungen (Abschaltzeiten) zu minimieren. Die Schlagopfer durch Windkraftanlagen stehen derzeit im Brennpunkt zahlreicher Diskussionen. Dagegen sind die viel höheren Opferzahlen z.B. durch Straßen- und Schienenverkehr oder durch Chemie- einsatz in der Landwirtschaft gesellschaftlich größtenteils akzeptiert oder werden billigend in Kauf genommen.

Für die Belästigung durch Schlagschatten und Befeuerung gibt es inzwischen technische Lösungen wie Abschaltzeiten und Funksysteme, die erst bei An- näherung von Flugzeugen die Blinklichter einschalten.

Die Gefährdung durch den Einsatz von Neodym* (Gesundheitsgefährdung und Brandgefahr) ist bekannt, und die Hersteller nutzen zunehmend Alternativen. Der deutsche Markführer Enercon verwendet Elektromagnete für seine Ge- neratoren. Andere Hersteller (z.B. Siemens, Vestas) nutzen die Vorteile der Neodym-Dauermagnete für Generatoren mit hohem Wirkungsgrad und Wartungsfreundlichkeit. Aufgrund der hohen Preise und wegen der kritischen Umweltsituation in den chinesischen Gewinnungsgebieten versucht z.B. Siemens andere Werkstoffe und recyceltes Neodymmaterial einzusetzen. Auch das Öko-Institut hat sich in einer Studie für diesen Weg ausgesprochen (http://www.oeko.de/oekodoc/1110/2011-001-de.pdf ).

Alle technologischen Entwicklungen unserer Industriegesellschaft zeigen bei genauer Betrachtung Belastungen für Mensch und Umwelt. Windkraftanlagen sind im Vergleich zu anderen Energieformen die derzeit leistungsfähigste Technologie. Windenergie bildet zusammen mit Wasserkraft und Solarenergie die mit Abstand umweltfreundlichste Variante zur Energiegewinnung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. G. Hälsig Abteilungsleiter Umwelt, Klimaschutz, Nachhaltigkeit Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg

Anmerkung der Redaktion: Neodym ist ein chemisches Element und zählt zu den Metallen der seltenen Erden.

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