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Autor Friederike Benjes am 07. April 2009
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Kinder und Jugend

Ganztagesschule - ein Gewinn?

Sehr geehrte Frau von der Leyen,

Ich war sehr überzeugt von Ihrem Plan, mehr Ganztagesschulen in Deutschland einzuführen -- bis zu dem Moment, als die Grundschule meiner Kinder in eine solche umgewandelt wurde.

Meine Söhne waren die letzten zwei Jahre -- vor Einführung der Ganztagesschule -- nachmittags in dem damals der Schule angegliederten Hort. Dort betreuten jeweils zwei ErzieherInnen etwa 20 Kinder in einer Gruppe. Unsere Söhne waren sehr glücklich im Hort -- sie wurden kompetent betreut, sie hatten enge Freunde in ihren Hortgruppen und haben nicht zuletzt ein hervorrangendes Training im Sozialverhalten bekommen. Die ErzieherInnen sind exzellent ausgebildet und können hervorragend mit Kindern umgehen.

Ferner gab es pro Woche 4 x 90 Minuten Hausaufgabenbetreuung, so dass die Kinder sich nach dem Hort ganz dem Familienleben widmen konnten und keine Hausaufgaben mehr zu erledigen hatten.

Seit dem Herbst 2008 gibt es keinen Hort und keine Betreuungsgruppen mehr, sondern eine teilgebundene Ganztagesschule mit ein- bis zweimal verpflichtendem Nachmittagsunterricht bis 15.15 Uhr, sowie einem breiten AG-Angebot am Nachmittag.

Das bedeutet, dass sich in den drei Horträumen, jetzt Ganztageszentrum (GTZ) genannt, ALLE Kinder der Primarstufe aufhalten, die nachmittags dort sind und gerade keine AG haben. Pro Raum also Kinder von 4 Klassen. Die Schul- und Betreuungsleitung wünscht, dass die Kinder viele AGs belegen, sich also nicht so viel im GTZ aufhalten. D.h. dass ein Kind im optimalen Fall an fünf 5 Nachmittagen in der Woche in fünf verschiedene AGs mit fünf verschiedenen ErzieherInnen oder LehrerInnen und fünf verschiedenen Gruppenzusammensetzungen geht.

Ich persönlich meine, dass ein solches System schon manchen Erwachsenen überfordern würde -- aber für GrundschülerInnen halte ich es für völlig untauglich.

Ferner gibt es zwar AGs für Russisch, Chinesisch und Aquarellmalerei und auch für diverse Sportarten -- Vertiefung von Basiskenntnissen wie Lesen, Schreiben und Rechnen hingegen kommt viel zu kurz. So gibt es zwar Fördergruppen für Legastheniker, aber die finden vormittags parallel zum regulären Unterricht statt.

Auch die Zeit für betreute Hausaufgaben wurde drastisch gekürzt -- und der theoretische Betreuungsschlüssel dabei auf 1:15 erhöht. Tatsächlich ist aber oft eine Betreuerin alleine für über 20 Kinder zuständig.
Da ist es natürlich nicht möglich, jedem Kind hinreichende Hilfestellung zu geben.
Interessant ist, dass sowohl früher im Hort wie auch bei der Nachmittagsbetreuung von allen anderen Schulen in Heidelberg der Betreuungsschlüssel 1:10 beträgt. Nur unsere -- als Brennpunktschule scheinbar bevorzugte Schule -- hat den Betreuungschlüssel von 1: 15.

Im Vergleich zur Hortbetreuung stellt sich die aktuelle Situation wie folgt dar:

Für Kinder mit Lernschwierigkeiten ist die Umwandlung von großem Nachteil -- jedenfalls wenn sie keine Eltern haben, die mit ihnen die Hausaufgaben machen.

Für Kinder mit Schwierigkeiten im Sozialverhalten ist die Umwandlung eine Katastrophe, weil die festen Strukturen fehlen. Diese Kinder gehen in dem Chaos völlig unter.

Vor der Umwandlung in eine Ganztagesschule waren etwa die Hälfte der Kinder in Hort- und Betreuung untergebracht. Jetzt werden mehr Kinder erreicht -- das ist immerhin ein Vorteil. Aber muss deswegen die Qualität so drastisch gesenkt werden? Können wir uns in Deutschland qualitativ hochwertige Betreuung für ALLE KINDER nicht leisten?

Klar ist, dass immer mehr Familien, die die Möglichkeit dazu haben, ihre Kinder aus dieser Schule abziehen, um sie auf eine benachbarte Schule mit vernünftiger Nachmittagsbetreuung oder gar auf eine Privatschule zu schicken.
War das der Sinn der Einführung von mehr Ganztagesschulen?

Mit freundlichen Grüßen,

Friederike Benjes aus Heidelberg

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