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Beantwortet
Autor Claudia Otto am 29. November 2011
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Gesellschaft und Soziales

Danziger Freiheit

Sehr geehrter Herr Lewe,

im Rahmen der Strassennamen-Umbenennungsdiskussion, die wir für sehr wichtig halten, ist uns aufgefallen, dass hierbei nie die Rede von der Danziger Freiheit ist.

Nachdem wir herausgefunden haben, dass viele Städte in Deutschland im Jahre 1933 von den Nationalsozialisten in Danzig aufgefordert wurden, große verkehrsreiche Plätze in den Städten nach der "Danziger Freiheit " aus nationalsozialistischen Propagandagründen (s. Rede Göbbels vom 17.05.1933) umzubenennen, fragen wir Sie, ob da nicht auch für Münster großer Änderungsbedarf besteht?

Andere Städte, wie z.B. München, haben die Umbenennung bereits 1947 vorgenommen.

Mit freundlichen Grüßen

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Antwort
von Markus Lewe am 04. Januar 2012
Markus Lewe

Sehr geehrte Frau Otto,

vielen Dank für Ihre Anfrage. Es freut mich, zu lesen, dass auch Sie die Diskussion um die Straßennamen für wichtig erachten. Denn auch ich bin der Meinung, dass wir uns der Debatte über NS-belastete Namen stellen müssen – auch wenn sich an der Frage, ob, wie und wen wir mit einem Straßennamen ehren, die Geister scheiden.

Die Danziger Freiheit entstand in Münster am 23. März 1934 – wahrscheinlich im Zuge einer Neubenennung einer Straße. Diese Neubenennungen waren in Münster in den 30er Jahren notwendig geworden, weil die Bauerschaftsbezeichnungen und –namen in den Rand- und Neubaugebieten der Stadt den modernen Adressenanforderungen nicht mehr genügten.
Die Benennung als Danziger Freiheit geht – nicht nur in Münster – auf einen Aufruf der Stadt Danzig zurück, in großen deutschen Städten einen verkehrsreichen Platz so zu benennen. Damit sollte der Forderung nach einer Änderung des Status der Freien Stadt Danzig Ausdruck verliehen werden. Denn wie Sie wahrscheinlich wissen, wurde Danzig als Hauptstadt der Provinz Westpreußen des Königreichs Preußen und Teil des Deutschen Reiches 1919 durch den Versailler Vertrag von diesem getrennt und mit Wirkung vom 15. November 1920 zu einem unter der Aufsicht des Völkerbundes stehenden unabhängigen Staat erklärt. Diese Gebietsabtretung wurde in Deutschland als großes Unrecht angesehen. Gerade die nationalsozialistische Bewegung unter Adolf Hitler hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Bestimmungen des Versailler Vertrages rückgängig zu machen. Mit dem Aufruf berief man sich damals auf die von Ihnen angesprochene Rede von Joseph Goebbels, die dieser im Mai 1933 vor Vertretern des deutschen Fremdenverkehrs gehalten hatte. So wie in Münster gab es in vielen deutschen Städten Plätze, die den Namen Danziger Freiheit trugen. Einige wie zum Beispiel München haben diesen Namen nach dem Krieg wieder abgeschafft, andere wie auch Dortmund oder Regensburg haben ihn bislang beibehalten.

In Münster gab es allerdings bereits einen Beschluss, eine Umbenennung des Platzes vorzunehmen. Am 12. Juni 1947 hat der „Ausschuss zur Umbenennung von Straßen“ den Vorschlag, den Namen Danziger Freiheit aufzuheben, dem Rat zur Entscheidung vorgelegt. Ein neuer Straßenname war nicht erforderlich, da die Häuser mit ihren Hausnummern der Warendorfer Straße zugeordnet waren und es auch immer noch sind. In der gleichen Sitzung des Ausschusses wurde übrigens auch der Vorschlag formuliert, den Hindenburgplatz wieder Neuplatz zu nennen. Der Beschluss blieb jedoch folgenlos. Es ist heute bedauerlicherweise nicht mehr zu nachzuvollziehen, ob sich der Rat in seiner Gesamtheit noch damit hätte befassen müssen – und es aus ungeklärten Gründen nicht getan hat – oder ob einfach die Verwaltung diesen Beschluss nicht umgesetzt hat.
Im September 1958 hat die damalige Kommission zur Benennung von Straßen beschlossen, dem Rat die Änderung des Namens Danziger Freiheit in Danziger Platz zu Entscheidung vorzulegen. Im Dezember 1958 beschloss der Hauptausschuss mit einer Gegenstimme, dass die Danziger Freiheit bestehen bleiben soll. Dieser Beschluss war auch ein Grund dafür, dass ein neuer Antrag auf Umbenennung der Straße in Danziger Platz im Juli 1961 nicht weiter verfolgt wurde.

Neu- bzw. Umbenennungen erfolgen auf Antrag von Bürgerinnen und Bürgern und von Ratsfraktionsmitgliedern und nach Beschluss der politischen Gremien (Bezirksvertretungen oder Rat). Jede Bürgerin und jeder Bürger kann Vorschläge machen – diese Form der Beteiligung basiert auf § 24 der Gemeindeordnung. Für die Umbenennung der Danziger Freiheit in Münster sind nach den oben aufgeführten keine weiteren Anträge bekannt.

Derzeit wird diskutiert, ob in Münster durch Straßennamen Persönlichkeiten für ihr Lebenswerk geehrt werden, die in eigener Initiative für das NS-Regime eingetreten sind und mit ihren Fähigkeiten aktiv zu dessen Stabilisierung und Unterstützung beigetragen haben. Die Danziger Freiheit ist nicht nach einer Person benannt und deshalb nicht Teil dieser Debatte.

Übrigens: Weiterführende Informationen zu den aktuell zur Diskussion stehenden Straßennamen finden Sie auf den städtischen Internetseiten unter http://www.muenster.de/stadt/strassennamen/index.html.

Mit freundlichen Grüßen