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Beantwortet
Autor Michael Huber am 21. Juni 2010
7474 Leser · 0 Kommentare

Wirtschaft

Das Kreditgeldsystem := Versteckte Ausbeutung der BürgerInnen

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin

Der EURO ist bekanntlich "Kreditgeld" (fiat-money).
Hier sind Feststellungen, die m.E. für alle Kreditgeld-Systeme gelten:

FESTSTELLUNG_1:
Die "Zentralbank" (EZB) hat (jedenfalls theoretisch) die Möglichkeit, beliebige Mengen von Kreditgeld zu erschaffen.
Normalerweise wird das neue Kreditgeld von der Zentralbank an die Banken ausgegeben. Diese hinterlegen dafür "Sicherheiten", z.B. in Form von Staatsanleihen.

Daraus folgt:
- Je länger das Geldsystem betrieben wird, umso mehr ist das umlaufende Geld durch "Schulden" gedeckt und nicht durch Sachwerte (z.B. Gold).

FESTSTELLUNG_2:
Der mengenmässig grösste Teil der Neugeld-Erzeugung findet im Bankensystem statt. Viele uninformierte Staatsbürger glauben, dass das Bankensystem den Kreditnehmern nur Geld ausleihen kann, welches zuvor von anderen Bürgern als Spareinlagen einbezahlt wurde.
Leider NEIN: Das Bankensystem insgesamt kann ein MEHRFACHES DER SPAREINLAGEN als Kredite/Hypotheken ausleihen (Stichwort: Reservesatz).

Daraus folgt:
- Das Bankensystem kann also durch Kreditvergabe "Geld aus dem Nichts entstehen" lassen und dafür von den Schuldnern ZINSEN einziehen.

FESTSTELLUNG_3:
Die Geldmenge muss kontinuierlich ansteigen, denn sonst bricht das Geldsystem zusammen.
Wie sonst sollen die Schuldner bei Ablauf ihrer Kreditverträge den ursprünglichen Kredit UND die fälligen Zinsen zurückzahlen können?

Daraus folgt:
Wenn es in einem Kreditgeld-System bereits während relativ kurzer Zeit KEINE Inflation gibt, dann kommt der Crash. Dies ist der wirkliche Grund, weshalb sich sich alle Notenbanker vor "Deflation" fürchten.

FESTSTELLUNG_4:
Das Kreditgeld-System ist zwangsläufig ein VERTRAUENSBASIERTES System, das nur so lange funktioniert, wie man von der Zahlungsfähigkeit der entsprechenden Staaten ausgehen kann.

Besonders gefährlich wird es, wenn die Notenbank damit beginnt, als "Sicherheit" Anleihen von maroden Staaten entgegenzunehmen (z.B. Griechenland) oder diese mit neu generiertem Geld zu "kaufen" !

FESTSTELLUNG_5:
Das Kreditgeld-System hat es Politikern erlaubt, jahrelang weit über die Verhältnisse zu leben.
Es bestand SYSTEMBEDINGT sehr lange KEIN DRUCK, den Staatshaushalt auszugleichen. Man konnte sich problemlos VERSCHULDEN, weil die Nachfrage nach "Staatsanleihen" gross war. Kein Wunder, wenn man als Bank gegen Staatsanleihen bei der EZB frisches Geld abholen kann.

FESTSTELLUNG_6:
Falls ein Bürger seine Ersparnisse in Form von "Geld" (Bargeld, Sparbuch) zur Seite legt, wird er längerfristig durch die Infration seiner Kaufkraft beraubt.
Die EZB bezeichnet offiziell 2% Inflation als "Preis-Stabilität". Dies bedeutet, dass er nach 35 Jahren noch rund *die Hälfte* an Waren für sein Geld bekommt.

FESTSTELLUNG_7:
Ein Kreditgeld-basiertes System ist gut für Schulden-Macher und schlecht für Geld-Sparer.

Ich möchte Sie bitten,
die Richtigkeit der obigen Feststellungen bitte Punkt-für-Punkt zu bestätigen oder zu dementieren.
Nun zu meinen kurzen Fragen, die Sie bitte DIREKT beantworten wollen (ohne Verweise):

FRAGE_1:
Wie gross war die "Geldmenge (M3)" bei Einführung des EURO... und heute?
Um wie viel % ist die Geldmenge also im Durchschnitt pro Jahr angewachsen?
Vergleichen Sie diesen Wert mit der offiziellen Inflationszahl von 2%. Was fällt auf?

FRAGE_2:
Wie viele EUROs an Krediten darf das Bankensystem maximal für virtuelle 1000 EURO Spareinlagen verleihen?
Beunruhigende Zahl, nicht?

FRAGE_3:
Banken dürfen Zinsen auf Geld eintreiben, das sie bei der Kreditschöpfung "aus dem Nichts" erzeugt haben.
Wie gross ist die SUMME dieser Zinsen IN EINEM JAHR schätzungsweise? (Seigniorage/Geldschöpfungsgewinn)
Es handelt sich zwangsläufig um einen SEHR GROSSEN Betrag, Oder?

FRAGE_4:
Warum erzeugt der Staat/ "Europa" alles Neu-Geld nicht selber? Weshalb übergeben Sie dieses Einnahmepotenzial den Banken, statt die Steuern der BürgerInnen zu senken?

FRAGE_5:
M.E. ist das Kreditgeld-System eine moderne Form von Ausbeutung der Bürger. Diese werden mit einer versteckten "Inflations-Steuer" und durch nicht-legitime Zinsen zur Kasse gebeten, während dem Bankensystem ohne Aufwand massive Erträge zufliessen.

Finden Sie dieses System gerecht ?

FRAGE_6:
Glauben Sie, dass Ihre Bürger, wenn man Sie RICHTIG INFORMIEREN würde, dieses Kreditgeldsystem befürworten würden?

FRAGE_7:
Weshalb genau ist der EURO langfristig sicher?
M.E. ist schon sehr bald "game over".

MfG,
Michael Huber

Antwort
im Auftrag der Bundeskanzlerin am 30. Juli 2010
Angela Merkel

Sehr geehrter Herr Huber,

vielen Dank für Ihren Beitrag, den wir im Auftrag der Bundeskanzlerin beantworten.

Es würde ein Forum wie dieses sprengen, zu jeder Ihrer Annahmen oder Einzelfragen in eine Art wissenschaftliche Diskussion einzusteigen – zumal Ihre eigentlichen „Ansprechpartner“ zu Geldmengen u.ä. ohnehin die Zentralbanken wären:

www.bundesbank.de www.ecb.int

Grundsätzlich lässt sich zu Ihren Vermutungen sagen, dass der Euro keineswegs zu mehr Inflation geführt hat. Die Statistiken beweisen das Gegenteil. Zudem agieren die Zentralbanken – ob Europäische Zentralbank (EZB) oder Bundesbank – ja gerade als von der Regierung unabhängige Stabilitätswächter im Währungs- und Finanzsystem.

Denn die Grundlage des Geldwertes, also der Kaufkraft, ist die Knappheit. Dafür muss eine Instanz mit hoher Autorität sorgen – eben die Zentralbanken. In Deutschland war dies bis Ende 1998 die Deutsche Bundesbank. Anfang 1999 hat im Euro-Währungsgebiet das Eurosystem die Zentralbankfunktion übernommen. Es besteht aus der EZB und den nationalen Zentralbanken der Euro-Länder, darunter die Bundesbank.

Die Geschäftsbanken benötigen ihrerseits Liquidität, um selbst Kredit zu vergeben und Geld zu schöpfen. Denn die Kreditinstitute müssen damit rechnen, dass sich ein Teil ihrer Kunden seine Einlagen entweder bar auszahlen oder an andere Banken überweisen lässt. Außerdem sind die Kreditinstitute dazu verpflichtet, Einlagen in Höhe eines bestimmten Prozentsatzes als Guthaben beim Eurosystem als Mindestreserve zu unterhalten. Für beides ist Zentralbankgeld notwendig, das die Banken nicht selbst schaffen können.

Das Monopol der Zentralbank auf ihr Geld ist also der Hebel, mit dem sie auf die Geschäftstätigkeit der Kreditinstitute Einfluss nimmt. Die Zinssätze am Geldmarkt richten sich damit stark nach den Bedingungen, zu denen die Zentral- oder Notenbank den Kreditinstituten Zentralbankguthaben anbietet. Teure Tagesgeldzinsen bei der Notenbank verteuern also auch die Zinsen für Kredite am Markt.

Wie schnell sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und die Preise verändern, hängt nicht nur von der Höhe der Notenbankzinsen ab. Die Geldpolitik kann das Preisniveau nicht direkt steuern. Denn es kann lange dauern, bis sich eine geldpolitische Maßnahme auswirkt. Ganz entscheidend sind das Verhalten der Banken und der Zustand der Wirtschaft.

Eine geldpolitische Strategie muss daher auch berücksichtigen, wie private Haushalte, Unternehmen und der Staat voraussichtlich handeln. Eine Notenbank muss die langen und variablen Wirkungsverzögerungen der Geldpolitik stets im Blick haben.

Die Zentralbanken im Euroraum betreiben daher eine mittelfristige Geldpolitik. Es ist nicht ihre Aufgabe kurzfristig die Konjunktur zu steuern, sondern die Geldwert- und Preisstabilität zu gewährleisten. Sie ist auf längere Sicht eine grundlegende Voraussetzung für das reibungslose Funktionieren der Marktwirtschaft, für Wirtschaftswachstum und Beschäftigung.

Mehr dazu: http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_1928/DE/Wirtscha...

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Presse- und Informationsamt der Bundesregierung