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seit 2006 beantwortete das Bundespresseamt Ihre Fragen auf dieser Plattform im Auftrag der deutschen Bundeskanzlerin. Im Zuge einer Neustrukturierung entwickelt das Bundespresseamt sein originäres Angebot weiter im Sinne eines Bürgerservices mit Dialogmöglichkeiten. Auf dieser Plattform wurden am Montag, den 30. April 2018, die letzten drei Fragen beantwortet. Neue Beiträge und Kommentare werden nicht mehr veröffentlicht.

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Ihr Moderationsteam

Beantwortet
Autor K. Kaissling am 15. Januar 2018
3802 Leser · 2 Kommentare

Umwelt und Tierschutz

Insekten- und Vogelsterben

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

hier ein Interview mit Peter Berthold, das wirklich jeder Bürger kennen sollte:
https://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/sendung-...

Dazu eine Vortragsankündigung aus der ZSM (Zoologische Staatssammlung München):

Vortragsthema: VON DER VIELFALT ZUR EINFALT - SCHMETTERLINGE IM STURZFLUG.
Die Erde steht am Rand einer ökologischen Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, gegen die selbst der bekannte „Klimawandel“ harmlos ist. Längst ist es wissenschaftlich belegt, dass das sechste große Massenaussterben der letzten 550 Millionen Jahre in Gang ist – diesmal nicht ausgelöst durch einen Killerasteroiden, sondern durch menschliche Aktivitäten. Einer der zahlreichen Belege dafür ist das „Insektensterben“. Obwohl diese Tiere gemeinhin als zäh und stresstolerant gelten, verschwinden sie in einem nie gekannten Ausmaß aus unserer Landschaft. Dies fällt inzwischen auch Laien auf, selbst Naturschutzgebiete sind massiv betroffen. Dr. Andreas Segerer, Insektenforscher an der Zoologischen Staatssammlung München, zeigt in seinem Vortrag die Situation der Schmetterlinge in Bayern und belegt die prinzipiellen Ursachen ihres dramatischen Rückgangs: ökonomisches und politisches Fehlverhalten, das teilweise schon vor über 150 Jahren beschrieben wurde, aber bis heute ungebrochen ist.

Mit freundlichen Grüßen,
Karl-Ernst Kaissling

Frage: Werden Sie das Thema im Kabinett behandeln?
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Dr. rer. nat. Karl-Ernst Kaissling,

Em. Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und des

ehem. Max-Planck-Instituts fuer Verhaltensphysiologie, Seewiesen,

Em. Prof. der Ludwig-Maximilians-Universitaet Muenchen

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Antwort
im Auftrag der Bundeskanzlerin am 16. Februar 2018
Angela Merkel

Sehr geehrter Herr Kaissling,

vielen Dank für Ihre Frage, die wir im Auftrag der Bundeskanzlerin beantworten.

Sie weisen zu Recht darauf hin, dass die biologische Vielfalt weltweit in dramatischem Ausmaß abnimmt. Zahlreiche Untersuchungen belegen eine massive Abnahme des Insektenvorkommens. Deshalb sind Biodiversität und Insektenschutz wichtige Anliegen der Bundesregierung. Die Bundeskanzlerin setzt sich dafür weiterhin ein.

Die Bundesregierung hat bereits in der Vergangenheit national und international umfangreiche Maßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt ergriffen. Das gilt insbesondere für die 2007 beschlossene Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt (NBS). Sie beinhaltet über 400 Maßnahmen, die Bund, Länder und Kommunen gemeinsam mit Verbänden und Unternehmen umsetzen. Dazu zählen: das Deutsche Bienenmonitoring zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bienen, Projekte zum Transfer zwischen Wissen und Praxis sowie strengere Regelungen für die Aussaat von mit bestimmten Pflanzenschutzmitteln behandeltem Saatgut.
https://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Nachhaltige-Landnut...

Der Rechenschaftsbericht für den Zeitraum von 2013 bis 2016 zeigt: Die Strategie war in vielen Punkten erfolgreich. Jedoch weist der zentrale Bereich „Artenvielfalt und Landschaftsqualität“ weiterhin einen negativen Trend auf.
https://www.bmub.bund.de/themen/natur-biologische-vielfal...

Weitere Initiativen wollen deshalb den Dialog zwischen Landwirtschaft und Naturschutz stärker fördern. Denn nur zusammen mit den Land- und Forstwirten können wir unsere Ziele beim Klima- und Naturschutz erreichen. Das Bundesprogramm "Blaues Band Deutschland" zum Beispiel sorgt dafür, dass Flüsse, Bäche und Auen renaturiert werden können. Das Gemeinschaftsprojekt „F.R.A.N.Z“ entwickelt bundesweite Konzepte für mehr Artenvielfalt auf den Äckern. Einen wichtigen Beitrag zu mehr Artenvielfalt leistet auch der ökologische Landbau. Bio-Bauern werden im Rahmen der Zukunftsstrategie ökologischer Landbau stärker unterstützt. Nicht zuletzt ist die europäische Landwirtschaft durch die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ökologischer und nachhaltiger geworden. Die Verhandlungen für eine weitere Reform der GAP stehen derzeit an.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Kommentare (2)Schließen

  1. Autor Klaus Fink
    am 18. Januar 2018
    1.

    Sehr guter Beitrag, aber ganz schlimme Entwicklung, die in dem angegebenen Link durch den Ornithologen Peter Berthold sehr gut erläutert wird.

    Die Zukunft unseres Planeten ist existenziell das alles überragende Thema, wird aber von der Politik weltweit vergleichsweise stiefmütterlich behandelt.

    Schon längst zwingend erforderliche Maßnahmen werden aufgeschoben bzw. oftmals sogar wieder komplett von der Agenda genommen.

    In einer nicht allzu fernen Zukunft wird es bei einem unverantwortlichen "Weiter-So" fraglos zu irreparablen und unumkehrbaren Schäden kommen, die den Verlust des Lebensraumes von Mensch und Tier zur Folge habe könnte.

    Die Politik nimmt die Warnungen der Wissenschaft nicht ernst genug, weil sie entweder die Probleme mental nicht in der Lage ist zu erfassen - wie offensichtlich bei Trump - oder aber unverantwortlich wirtschaftshörig handeln.

    Man kann die fatale Entwicklung schon im eigenen Mikrokosmos erkennen: kaum mehr Insekten, Schmetterlinge im Garten, deutlich weniger Vögel und rückläufige Artenvielfalt.
    Aber fast überall sprießen Maisfelder in einer unverantwortlichen Dimension aus den Ackerböden.
    Profitmaximierung steht dabei ganz weit vorne ! Gier frisst Hirn !

  2. Autor Karl-Ernst Kaissling
    am 21. Januar 2018
    2.

    Der Kommentar von Herrn Klaus Fink trifft alle Nägel auf die Köpfe. Vielen Dank!
    Nach Untersuchungen vom Entomologischen Verein Krefeld e.V. 1905 hat die Biomasse von Fluginsekten in norddeutschen Naturschutzgebieten seit 1987 auf 25% abgenommen. Diese beunruhigende Zahl wird seit kurzem in den Medien diskutiert, leider oft ohne den Hinweis, dass sie nur für Naturschutzgebiete gilt. Aus den sommerlichen Fängen auf den Windschutzscheiben der Autos schliesse ich auf eine Abnahme der Fluginsekten über unseren nicht naturgeschützten Landstrassen seit den 60er Jahren auf weniger als 1%. Bei einer Autofahrt damals von München nach Seewiesen (40 km), meiner langjährigen Arbeitsstätte, musste man spätestens dort angekommen die Frontscheiben reinigen. Tankstellen hielten damals spezielle Schwämme zum Abkratzen der Reste bereit. Heutzutage bleibt bei einer Fahrt über 100 km Landstrasse in Oberbayern die Frontscheibe nahezu insektenfrei. Angesichts übereinstimmender Berichte alter Autofahrer auch aus anderen Bundesländern sind für das Insektensterben keine wissenschaftlichen Nachweise nötig. Das zweifellos menschengemachte Insektensterben ist höchst alarmierend und erfordert dringend Gegenmassnahmen, wie sie z. B. vom Ornithologen Peter Berthold vorangetrieben und von vielen Gemeinden im Bodenseegebiet schon erfolgreich durchgeführt werden: Die Einrichtung grosser, möglichst miteinander verbundener, pestizidfreier und ungedüngter Biotope zur Erhaltung der noch vorhandenen Tierarten und der ebenso dezimierten Pflanzenarten. Dies erfordert eine tatkräftige Unterstützung seitens der Politik gestützt durch eine Wahrnehmung der ökologischen Krise in der ganzen Gesellschaft.

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