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Beantwortet
Autor gandalf Strinski am 29. März 2008
12421 Leser · 0 Kommentare

Innenpolitik

Staatliche Zwangsdienste im Zeitalter des gender mainstreaming

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

über Ihre Stellungnahme zu folgendem Thema würde ich mich sehr freuen:

Wir leben in einem Zeitalter, in welchem minutiös auf so etwas wie "Geschlechtergerechtigkeit" geachtet wird. Dafür gibt es das gender mainstreaming, das gender budgeting usw.
Z.B. sollen jetzt auch Männer viel stärker in die Kinderbetreuung eingespannt werden.
Auch wurden Quoten für Frauen in verschiedenen Bereichen eingeführt - allerdings nicht da, wo Männer in der Minderheit sind.

Männer sind viel häufiger Opfer von Gewalt als Frauen - dennoch wird mehr in die Sicherheit von Frauen investiert. Für Obdachlose wird nur Geld ausgegeben, wenn sie weiblichen Geschlechts sind - obgleich es zehnmal mehr obdachlose Männer als Frauen gibt.

Und Frauenförderungen und auch -quoten werden nur am "oberen Rand" der Gesellschaft eingeführt - nicht am unteren Rand, wo nach wie vor Männer fast alleine sind in den Berufen, in denen es die meisten Arbeitsunfälle gibt. (Bergbau, Ölplattformen, Bauarbeiter, auch Müllabfuhr, Dachdecker, usw.)

Männer haben eine 7 Jahre geringere Lebenserwartung als Frauen - und man sagt einfach: lebt gesünder, dann wird das schon werden...

Und schließlich gibt es noch einen großen Widerspruch des Gesetzgebers - hinsichtlich des Anspruches der Gleichheit aller vor dem Gesetz - und das betrifft staatliche Zwangsdienste: Wieso müssen junge Männer im Alter von 18 oder 19 oder 20 Jahren Zivildienst oder Dienst bei der Bundeswehr leisten und Frauen nicht -also ausschließlich wegen ihres Geschlechtes?

(Das Argument, daß Frauen die Kinder bekommen, wird immer weniger glaubwürdig, wenn man betrachtet, wie viele Frauen lieber Karriere machen und kinderlos bleiben, wenn man bedenkt, daß es auch keinen Zwang zum Kinderkriegen gibt - und schließlich werden nun auch Männer immer mehr in die Kinderbetreuung/-erziehung eingespannt...)

Ich könnte noch einige Beispiele mehr aufführen, die belegen, daß offensichtlich das gender mainstreaming in Deutschland nur als reines Frauenförderungsmittel eingeführt wurde (da, so die Begründung, es ja nur die Frauen wären, die benachteiligt würden) - und die Gleichberechtigung, Gleichstellung und Unterstützung von Männern völlig ignoriert wird. (Sind also alle Frauen arme Hascherln bzw. Opfer - während alle Männer stark und selbständig genug sind...?)

Ist diese Einseitigkeit - und die Tatsache, daß die Gesetze, in denen immer noch Unterschiede zwischen Männern und Frauen gemacht werden, ausschließlich zu ungunsten der Männer ausfallen, ist diese Einseitigkeit also das, was die Regierung unter "Gleichberechtigung" versteht? Gleichberechtigung heißt doch: gleiches Recht für alle!

Und wäre es nicht im Sinne der Gleichberechtigung bzw. des gender mainstreaming, daß - sozusagen a priori - der ganze "gender Bereich" zu 50% mit Männern besetzt wird? Schließlich gibt es z.Zt. nur weibliche (feministische) Professoren im gender Bereich bzw. im Bereich "Frauenforschung" (die vom Steuerzahler finanziert werden) und "Männerforschung" wird leider keine betrieben...(höchstens am Rande von feministischen Professoren...was nicht sehr glaubwürdig ist)

Über eine seriöse Antwort würde ich mich sehr freuen.

Mit feundlichen Grüssen
Wolfgang Stadler

Antwort
im Auftrag der Bundeskanzlerin am 26. Mai 2008
Angela Merkel

Sehr geehrter Herr Stadler,

vielen Dank für Ihre Anfrage, die wir im Auftrag der Bundeskanzlerin beantworten.

Wir gehen davon aus, dass Sie auf Grund Ihrer bisherigen Anfragen an das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie weitere Ministerien bereits hinreichend über die Gleichstellungspolitik der Bundesregierung informiert sind.

Sie zielt darauf, mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu erreichen. Und mehr Freiheit für Frauen und Männer, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Dazu gehört auch die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern am Erwerbsleben.

Statistische Daten belegen, dass im Bereich Schule und Ausbildung Mädchen und Jungen annähernd die gleichen Chancen haben. Im Berufsleben haben Frauen dagegen immer noch erhebliche Nachteile: So liegt das Einkommen von Frauen in Deutschland bei annähernd gleicher Arbeitszeit 20 Prozent unter dem der Männer.

Die Politik setzt die Rahmenbedingungen für mehr Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen im Berufsleben. Um Paaren mit Kindern die Möglichkeit einer echten Wahlfreiheit zu bieten, müssen bestmögliche Voraussetzungen für eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf geschaffen werden. Mit dem Angebot der sogenannten Partnermonate in der Elternzeit wird es auch jungen Vätern erleichtert, eine berufliche Auszeit für die Kindererziehung zu nehmen. Denn gerade hier mangelte es bisher häufig an Akzeptanz - nicht nur bei Arbeitgebern.

Wichtig ist, dass bei Ausbildung und Berufswahl alle Wege offen stehen, das heißt, dass alle Berufe für alle Bewerberinnen und Bewerber unabhängig vom Geschlecht zugänglich sind. Das bedeutet aber auch, dass jeder frei ist, sein Berufsfeld zu wählen. So wenig wie Männer gezwungen werden können, „frauenspezifische“ Berufe wie z.B. im Erziehungs- und Pflegebereich zu ergreifen, so wenig können Frauen zu „Männerberufen“ verpflichtet werden.

Kennzeichen unserer modernen Gleichstellungspolitik ist es, die ganze Vielfalt, wie sie sich heute in Deutschland darstellt, zu berücksichtigen. Es geht um die Verwirklichung von Chancengleichheit für Frauen und Männer - mit und ohne Kinder, in allen Altersstufen und Lebensphasen.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Presse- und Informationsamt der Bundesregierung