Sehr geehrte Damen und Herren,

wie Sie sicher aus den Medien erfahren haben, werde ich am 28. August vom Amt des Ministerpräsidenten zurücktreten. Deshalb wird es mir künftig nicht mehr möglich sein, Ihre Fragen an dieser Stelle zu beantworten. Der Bürgerdialog über das Onlineportal direktzu.de hat in den zurückliegenden Jahren eine Vielzahl von Anliegen und Problemen von Ihnen, den Bürgerinnen und Bürgern, thematisiert. Ich habe mich über die anhaltende Resonanz sehr gefreut. Sie dokumentierte Ihr Interesse am Lebensumfeld, aber auch an politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen. Das Portal war für mich wichtiger Anzeiger, welche Sorgen, Probleme oder Anliegen die Menschen im Land bewegen. Es bot die Möglichkeit, politische Bewertungen aus der brandenburgischen Bevölkerung ungefiltert und direkt zu erfahren. Und ebenso offen und geradeheraus habe ich mich stets um Antwort bemüht. Für mich war darüber hinaus entscheidend, dass das Voting-Verfahren den öffentlichen Diskurs bei uns im Land befördert. Fragesteller und auch ich wussten dadurch: Das interessiert Viele!

Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihr Vertrauen und die vielen interessanten Fragen und Einschätzungen.

Herzlichst

Ihr

Matthias Platzeck

Beantwortet
Autor Mirko Mieland am 16. November 2007
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Bildung

LRS - Legasthenie - Dyskalkulie

Sehr geehrter Herr Platzeck,

laut Forschungen geht man davon aus, dass ca. 4 % aller Schüler und Schülerinnen von einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) oder Legasthenie betroffen sind.

Doch leider wird darauf im schulischen Bereich nur wenig bis gar nicht eingegangen. Lehrer werden während ihrem Studium zu dieser Thematik nicht genügend ausgebildet und sind oftmals überfordert, wenn sie auf Schüler mit Problemen im Schreiben, Rechnen und Lesen treffen. Da die schulische Förderung oftmals keine genügende Förderung gewährleisten kann, ist es für viele Betroffene notwendig, außerschulische Angebote (die oftmals sehr teuer sind) in Anspruch zu nehmen.

Da ich als Erzieher und Legasthenietrainer (und Vorstandsmitglied im Dachverband Legasthenie Deutschland e.V.) mit Betroffenen arbeite, hätte ich einige Fragen bzw. Anregungen:

- Einsatz von Legasthenietrainern an Schulen - Diese Trainer sind speziell ausgebildet und es sollte ein Budget für Schulen bereit stehen, um diese Trainer in Schulen einzusetzen.

- Eine Anerkennung von staatl. Seite würde Legasthenietrainern eine gute Basis geben. Wieso ist es nicht möglich, eine Anerkennung zu erhalten - denn diese Ausbildung ist ist EFQM (European Foundation for Quality Management) zertifiziert und
akkreditiert und genießt europaweite Anerkennung, das Fernstudium wird nach den Richtlinien der European Dyslexia Association
durchgeführt usw.

- Warum werden Trainer nicht in schulischen Bereichen eingesetzt, um Betroffene und Lehrer zu beraten und Förderung anzubieten?

- Warum werden Fachleute bzw. der Dachverband Legasthenie bei Ausarbeitungen von Legasthenieerlässen nicht angehört? Denn diese haben das Know - How und können eine gute Mitarbeit gewährleisten.

- Warum müssen Betroffene zig Stellen ablaufen, um eine Bescheinigung zu erhalten, dass eine Legasthenie vorliegt? Ein Trainer kann das im pädagogischen Bereich sehr gut feststellen und vermittelt bei Bedarf an andere Fachkräfte, wenn sekundäre Probleme auftreten.

- Warum werden Kinder meist zum Schulpsychologen geschickt? Es ist m.M. nach eine pädagogisch - methodische Sache, wenn keine sekundären Probleme wie Schulverweigerung o.ä. auftreten

Es ist schon Schade, dass man als ausgebildete Fachkraft sehr um seine Anerkennung kämpfen muss, da Richtlinien nicht gegeben sind. Viele Trainer aus Deutschland kämpfen z.B. um eine Anerkennung als Leistungsanbieter beim Jugendamt und werden abgeschmettert. Warum muss das sein? Diese Trainer erweisen in der täglichen Arbeit, dass Sie Betroffenen Unterstützung geben können.

Eine weitere Frage meinerseits: Warum sind die Legasthenie - Erlässe immer nur "Kann - Bestimmungen"? Leider sind diese sehr schwammig und halten eben diese Kann Bestimmung offen. Das heißt dann natürlich, das Schule an Jugendamt verweist und Jugendamt sagt, es wäre primär Aufgabe der Schule. (Verschwendete Zeit und Kraft, wenn einheitl. Regelungen vorhanden wären)

Sehen wir die Chance in der Bildungspolitik, auch Menschen die Probleme im Lesen - Schreiben - Rechnen haben, eine gute Schulbildung und Ausbildung zu gewähren.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sich im Dienste legasthener Menschen engagieren und uns unterstützen! Im Januar werde ich zusammen mit meinem Kollegen eine Coaching - Agentur eröffnen, da wir sehen, dass der Bedarf an Aufklärung und Förderung vorhanden ist. Vielleicht können Sie uns dahingegen unterstützen?

Mit freundlichem Gruß

M.Mieland

+119

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Antwort
von Matthias Platzeck am 22. Februar 2008
Matthias Platzeck

Sehr geehrter Herr Mieland,

vielen Dank für Ihre sehr bedenkenswerten Überlegungen. Ich habe aus Ihren Zeilen entnommen, wie sehr Ihnen eine gute und fachlich fundierte Ausbildung gerade der Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche oder mit Legasthenie am Herzen liegt. Ich habe Ihre Frage parallel an Minister Rupprecht mit der Bitte weitergeleitet, dass sich zuständige Mitarbeiter mit Ihnen in Verbindung setzen und Ihr Anliegen in einem persönlichen Gespräch vertiefen.

Ich will aber mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg halten: Unsere Schule hat grundsätzlich die Aufgabe, jede Schülerin und jeden Schüler beim Erlernen des Lesens, Rechtschreibens oder Rechnens zu unterstützen und zu fördern. Zur gezielten Unterstützung von Schülerinnen und Schülern mit einer besonderen Schwierigkeit im Lesen und Rechtschreiben oder mit besonderen Problemen beim Rechnen haben wir deshalb spezielle Rechtsgrundlagen geschaffen, zudem werden die gesetzlichen Mitwirkungsgremien wie der Landesschulbeirat und andere Gremien in die Diskussion einbezogen.

Im Rahmen eines Beratungs- und Unterstützungssystems für Schule (BUSS-System) stehen den Schulen neben den Schulpsychologinnen und Schulpsychologen Fachberaterinnen für so genannte Teilleistungsstörungen zur Verfügung, die in ihrer Fortbildungstätigkeit die entsprechende Sachkompetenz an die Lehrkräfte weitervermitteln. Der Einsatz von Legasthenietrainern an Schulen ist nach meiner Kenntnis bisher nicht erwogen worden, weil nach Einschätzung der Fachleute im Ministerium ausreichend ausgebildete Lehrkräfte und Schulpsychologinnen und Schulpsychologen zur Verfügung stehen.

Es ist außerdem in Brandenburg genau geregelt, welche Verfahren eine Schülerin oder ein Schüler mit Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Rechtschreibens oder Rechnens durchläuft, um eine besondere Unterstützung zu erhalten. So müssen zum Beispiel Schulpsychologinnen und Schulpsychologen ab Jahrgangsstufe 5 an speziellen Feststellungsverfahren zu Lernschwierigkeiten beteiligt werden. Auch ist festgelegt, dass die Schule eng mit den außerschulischen Therapeuten zusammenarbeiten muss, wenn dies in begründeten Einzelfällen notwendig wird.

Die Bemühungen der Schule werden also im Einzelfall durch Therapiemaßnahmen im außerschulischen Bereich ergänzt. Allerdings betone ich auch: Für eine staatliche Anerkennung von Legasthenietrainern gibt es bisher keine Rechtsgrundlage.

Ich möchte Ihnen gern folgende Idee unterbreiten: Wir sollten über Ihren Vorschlag einer Zusammenarbeit zwischen der Landesregierung und der von Ihnen angedachten Coaching-Agentur ins Gespräch kommen. Mein erstes Gespräch mit Minister Rupprecht hat ergeben, dass Dr. Martin Rudnick im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, ein erster Gesprächspartner für Sie sein könnte. Wer wen zuerst kontaktiert ist, glaube ich, nebensächlich. Sie erreichen Dr. Rudnick unter 0331/866 3823. Ich danke Ihnen für Ihr Mitwirken.

Mit freundlichem Gruß

Matthias Platzeck